Akuttherapie des akuten Schlaganfalls – Kontroversen und mehr

Die Ursache eines akuten Schlaganfalls ist meist ischämischer Genese (embolisch oder thrombotischer Verschluß eines hirnversorgenden arteriellen Gefäßes). Wir hatten ja bereits zu einem früheren Zeitpunkt über den Stellenwert der Rekanalisation  diskutiert: Die aktuell empfohlene Therapie ist die systemische Thrombolyse (i.v.) innerhalb von 4,5 Stunden nach Symptombeginn. Hier gibt es durchaus kontroverse Sichtweisen, aber dies soll nicht der Schwerpunkt des nun erstellten Posts sein. Nur dies …. und hier sind aus meiner Sicht die “Notfallretter” stark gefährdet … ist für die korrekte Indikationsstellung neben einem nativen CCT auch die korrekte Diagnosestellung mittels Anamnese und körperlicher Untersuchung eine conditio sine qua non!

En vogue wurde in letzter Zeit die interventionelle neuroradiologische Intervention. Argument ist, dass bei Verschluß großer hirnversorgenden Arterien die Thrombolyse nicht so wirksam ist. Immer mehr Zentren etablieren neuroradiologische Interventionsmöglichkeiten rund um die Uhr. Eine einzelne Studie die für die endovaskuläre Therapie spricht (randomisiert, 180 Patienten), hat die neuroradiologische Intervention beim akuten Schlaganfall angestoßen. Es wurde gezeigt, dass diese Intervention die Gefäße öffnet, ein Nachweis der klinischen Effektivität wurde zumindest von der FDA bei der Zulassung der Devices nicht gefordert. Aber ist das, was man mechanistisch als logisch empfindet, wirklich zielführend? Hierzu gab es in einem der letzten NEJM drei Originalartikel und ein hervorragendes Editorial. Lesenswert!!! Weiterlesen

Neue Rubrik für Studenten “Student´s Corner: Notfallmedizin Basics”

Unser Blog verfolgt das Ziel alle an der Notfallmedizin beteiligten Gruppen gleichermassen anzusprechen, hierzu gehört gerade auch die nächste Generation, die der Studenten. Da diese in der Regel noch nicht allzu viel klinische Erfahrung haben bietet es sich an deren Wissen dort zu nutzen wo es am frischesten ist, nämlich im Bereich klinisch-theoretischer  Themen. Und uns Klinikern schadet die eine oder andere Auffrischung in diesem Bereich sicher auch nicht. Vorhang auf für die monatliche Rubrik “Student´s Corner: Notfallmedizin-Basics” mit der wir heute beginnen möchten.

Los geht es mit dem Thema “Pathophysiologie des Post-Reanimationssyndroms” von Stefan Kornstädt. Weiterlesen

Propofol für therapierefraktäre Migräne?

Eher per Zufall bin ich bei der Suche nach interessanten notfallmedizinischen Themen auf diesen Artikel gestossen, der eine interessante Fallserie beschreibt, in der subanästhestische Dosen von Propofol für Patienten mit einer konventionellen Therapieformen (NSAR, Triptane) nicht mehr zugänglichen Migräne verabreicht wurden. Es zeigte sich eine beeindruckende Besserung der Beschwerden mit einer durchschnittlichen Minderung der Schmerzsymptomatik von 8/10 auf ca. 1/10 auf der visuellen Analogskala. Begründet wird die Wirksamkeit über die GABA-agonistische Wirkung des Propofols.

Limitierend muss man sagen, dass es sich bei der Studie um eine nicht verblindete reine Fallstudie mit einer n=8 handelt, trotzdem finde ich den Artikel sehr interessant. Insbesondere da sich im Literaturverzeichnis des Artikels weitere Links zu (ebenfalls leider nur Fallserien) mit ähnlichen Hinweisen finden.

Ebenso wurden in der Fallserie keine ernsthaften Nebeneffekte sichtbar, bis auf einen einzelnen nachgewiesenen Sättigungsabfall auf 89% der jedoch eine Monitoringnotwendigkeit für die kurze (maximal 30 Minuten) andauernde Therapiephase nahelegt.

Ein gutes Beispiel dass innovative Therapiekonzepte zur Notfalltherapie gängiger Notaufnahme-Krankheitsbilder mehr denn je gefragt sind…

Blog-Link: Psychiatrietogo

Gute medizinische Blogs in Deutsch sind leider noch Mangelware. Eher per Zufall bin ich auf den Psychiatrie-Blog von Dr. Jan Dreher gestossen. Auch wenn das Thema nicht ganz unserem Kernthema entspricht, so fällt trotzdem auf, dass der Blog erstens handwerklich super gemacht ist und zweitens in der Vielfalt der Themen auch der eine oder andere Artikel ist, der auch für den Notfallmediziner relevant ist.

Hier der Link: http://psychiatrietogo.wordpress.com

Ebenfalls einen kleinen Blick habe ich bereits in das von ihm verfasste Psychiatrie iBook geworfen, welches sehr vielversprechend aussieht. Man kann sehen was alles mit diesem Medium möglich ist und dass die Veröffentlichung eines Fachbuches nicht mehr allein vom Vertrieb über einen der grossen Verläge abhängig ist. Klar bleiben derartige Bücher immer subjektiv, aber das sind die anderen bis zu einem gewissen Punkt auch, geben sie nur nicht zu…

Hier der Link zum IBook

Der besondere Fall: Unklare Bewusstlosigkeit

Das Blogmedium eignet sich exzellent zur Präsentation besonders spannender Fälle, hier ein gutes Beispiel mit dem Leitsymptom Bewusstlosigkeit…

Anamnese:

72-jähriger Patient wird von NA gebracht. Laut Ehefrau habe Pat. zunächst über einen a.e. unsystematischen Schwindel und Sehstörungen geklagt, dann sei er bewusstlos geworden, keine Konvulsionen. Bei Eintreffen RTW habe sich Pat aus der Bewusstlosigkeit noch einmal “aufgebäumt”, dann wieder tiefere Bewusstlosigkeit und transport mit dem inzwischen eingetroffenen NA.

Vitalzeichen: GCS 6/15, HF 48/min, RR 150/80 mmHg, SO2 98%, Temp 36.7°C, AF 10/min Weiterlesen

Erhöhtes Risiko für Stürze – tatsächlich Grund genug, eine Antikoagulation vorzuenthalten?

In den letzten Jahren sind aufgrund neuer Einblicke zahlreiche Indikationen für eine therapeutische Antikoagulation erweitert worden. Denken wir nur an die aktuellen Empfehlungen zur Antikoagulation bei Patienten mit Vorhofflimmern. Ein häufiger Grund, um eine orale Antikoagulation vorzuenthalten, wird darin gesehen, dass man bei einigen Patienten vermutet, dass es durch vermehrte Sturz/Fallneigung zu unerwünschten Blutungen im Rahmen einer oralen Antikoagulation kommen könnte. Offensichtlich erhalten nur etwa 60% von älteren Patienten die eigentlich indizierte Antikoagulation.

Wir wissen natürlich alle, dass das Risiko aufgrund einer vermehrten Sturzneigung zu bluten, als relativ niedrig einzuschätzen. Trotzdem wird vielen Patienten eine therapeutische Antikoagulation vorenthalten. Patienten mit Vorhofflimmern sind dadurch gefährdet, ischämische Schlaganfälle zu erleiden. Wie sieht dieses Risiko nun wirklich aus? Weiterlesen

Emergency Neurological Life Support (ENLS)

Von meinem Kollegen Dr. Thomas Plappert wurde ich auf die Fertigstellung dieses neuen Kurskonzeptes aufmerksam gemacht, welches ich vor Monaten in seiner Orientierungsphase schon einmal (damals noch bei nofame4u) vorgestellt habe: ENLS
Doch was sollen wir mit einem weiteren Kurskonzept mit vier Buchstaben, das uns die Notfallmedizin neu erklärt? Wer verbreitet diesmal unter dem Deckmantel der “Hilfe für die Bedürftigen” sein Wissen gegen gutes Geld? ENLS will anders sein! Weiterlesen

Marcumarisierung bei Vorhofflimmern – Wie entscheiden?

Die orale Antikoagulation bei Patienten mit Vorhofflimmern (paroxysmal, persistierend, permanent) hat sich die letzten Jahre grundlegend geändert. War ich noch “aufgewachsen” mit der Vorstellung, dass bei kurzzeitigem Vorhofflimmern (<24h) keine Antikoagulation notwendig ist, wird zwischenzeitlich eine Risikostratifizierung durchgeführt und dann mit der Antikoagulation begonnen. Weiterlesen

Daily Drama 3 – Ten minutes clinical examination

Wie bereits in vorausgehenden Posts diskutiert, ist die Diagnostik von Patienten mit Schwindel nicht immer einfach. Wie unser neurologischer Chefarzt mir gegenüber auch äußerte gibt es immer wieder Situationen, wo der Untersuchungsbefund auf eine periphere Läsion des Vertigo hinweist, und dann doch eine zentrale Ursache nachgewiesen werden konnte.

Dies sind aber Ausnahmen und ich denke, dass ein Großteil der betroffenen Patienten durch eine adäquate klinische Utnersuchung auch vom Notfallmediziner richtig eingeordnet werden kann.

Bei der Recherche bin ich auf eine sehr interessante Arbeit gestossen: The ten minute examination of the dizzy patient.

Kombiniert mit einer Befragung des betroffenen Patienten mit einem Fragebogen, beschreiben die Autoren, wie idealerweise ein Patient mit Schwindel abgeklärt werden kann. Interessant an dieser Arbeit ist, dass nicht nur pathologische Befunde beschrieben werden, sondern erklärt wird, welches System für welche Situation zuständig ist und was der Ausfall bestimmter Bereiche bedeutet.

Aus meiner Sicht beste klinische Praxis.

Es gibt natürlich noch weitere interessante Literatur zu dieser Fragestellung: Wer noch tiefer in die Untersuchungen einsteigen will, ist mit diesem Artikel gut beraten. auch geeignet, um Details mal Patientenbezogen nachzulesen.

Daily Drama part 1 – Der Patient mit Schwindel

Ich bin mir nicht drüber im Klaren, ob die Thematik “Schwindel” nur ein Problem eines Maximalversorgers ist (wo verschiedene Fachspezialisten sich um diese Thematik kümmern) oder auch kleinere Häuser ähnliche Probleme ist.

Einen schönen Überblick hatte ja bereits Jan Welker gegeben. Einfach nochmals kurz in Erinnerung gerufen.

Was mein ich? Nun, ein Patient kommt mit Schwindel in die Notaufnahme. In Abhängigkeit davon, wen er als Erstes sieht (Neurologe oder HNO-Arzt oder Internist) bekommt er ein CT oder nicht. Und dann geht die Reise los. Wie kann man damit besser umgehen?
Nun, ich finde eine Arbeit aus dem Am Fam Physician 2010 sehr, sehr hilfreich. Der Artikel ist frei downloadbar und gibt eine immense Hilfe bei der systematischen Vorgehensweise zur Abklärung von Patienten mit Schwindel, die sich in der Notaufnahme vorstellen:

Als erstes muss der Notfallmediziner die “Form” des Schwindels analysieren. Die deutsche Sprache ist hier etwas ungenau, da Patienten (und Mediziner) viele verschiedene Symptome unter dem Begriff “Schwindel” subsummieren. Im Englischen würde man von “dizziness” sprechen (Taumel, Schwindel)

Was meine ich?
Nun es gibt folgende Formen:
1) Den richtigen Schwindel (Drehschwindel oder Vertigo), d.h. dieses Symptom gibt den Hinweis, ob das vestibuläre System involviert ist.
2) Disequilibrium (schwierig in die deutsche Sprache zu übersetzen, ich würde sagen: gestörtes Gleichgewicht, Gangunsicherheit etc.)
3) Beinahe-Synkope oder Kollaps als Hinweis für eine Minderperfusion des Gehirns (Vorstufe der Synkope, d.h. Reduktion des zerebralen Blutflusses z.B. als Medikamentennebenwirkung, aber auch als kardiales Symptom z.B. bei Rhythmusstörungen)
4) “Light-Headedness” (schwierig ins Deutsche zu übersetzen, vielleicht am ehesten: Benommenheit, komisches Gefühl im Kopf etc).

Zusammenfassend muss bei jedem Patienten, der sich mit dem Symptom Schwindel vorstellt, versucht werden, in eines dieser 4 Kategorien zu differenzieren. Dies geschieht am Besten mittels einer etwas detaillierteren Anamnese. Die Durchführung eines CCT in dieser Situation IST kontraindiziert. Das CCT sollte nur avisiert werden, wenn eine zentrale Störung vermutet wird. Meist liegen noch weitere Symptome vor!

Die weitere Differenzierung zeigt aus meiner Sicht sehr schön die Abb. 2 aus dieser Arbeit: