WHO Guide to prescribing drugs ….

Die Zeit zwischen den Jahren … oh Gott oh Gott …. Läuft bei Ihnen auch alles über?

Die Zeitungen berichten ja schon wieder darüber. Wir haben hier in Nürnberg den enormen Vorteil, dass während dieser Tage eine ärztl. Bereitschaftspraxis zu den Kernarbeitszeiten (bis 22:00h) vor Ort ist und viele der Patienten, die rasche Hilfe benötigen, behandelt. Ein ziemlicher Knochenjob. Lob und großer Dank an die Kollegen!

Aber das ist nicht das Thema, über das ich mich mit Ihnen heute austauschen möchte. Mir
fällt bei der Betreuung von Patienten in diesen Tagen vermehrt auf
(Vorstellungsgründe sind Beschwerden wie Diarrhö, respiratorische Symptome,
Kopfschmerzen etc.), dass häufig schnell und üppig zum Rezeptblock gegriffen wird und zahlreiche Medikamente unterschiedlichen Potentials für diese Probleme verordnet werden. Zudem haben wir über die Feiertage eine Patientin betreut, die eigentlich eine übliche Dosis von Atropinsulfat erhalten sollte, versehentlich eine toxische Dosis (50mg) verabreicht bekommen hatte (mit Ampulle zur Behandlung einer E605 Vergiftung versehentlich verwechselt) . Die Folgen waren klar … klassische Symptome des anticholinergen Toxidroms. Ein klarer „Applikationsfehler“ .

Wir haben diese Fälle in unserer Morgenbesprechung diskutiert und führen diese Probleme u.a. auf ein Problem unserer pharmakologischen Grundausbildung im Studium zurück und die fehlende Vermittlung praktischer Kenntnisse inkl. der Sorgfaltspflicht bei der Verordnung und Applikation. Wir kommen damit zurück aufs Studium und die pharmakologischen Inhalte, die wir dort vermittelt bekommen. Abgesehen davon, wie unterschiedlich die Lehrveranstaltungen generell sind bzw. didaktisch sein können, lernen wir in erster Linie die Pharmakologie und Wirkmechanismen von Substanzen/Medikamenten. Aber nicht deren Anwendung in der klinischen Praxis. Es gibt ein paar ganz interessante Ausnahmen und Versuche auch in Deutschland (z.B. der auf mich sehr positiv wirkende Unterricht klinische Pharmakologie der MH Hannover durch Prof. Stichtenoth), aber Grundtendenz ist die Fokussierung auf Wirkmechanismen, Kurven (Absorption, Distribution, Metabolismus, Exkretion), und noch viel andere Details.

Kein Wunder, dass jeder werdende Arzt nicht so ganz begeistert über diesen Unterricht ist. Ich habe mich deshalb ein bisschen in der Literatur umgesehen und bin schon erstaunt, welche Reformanstrengungen insbesondere in den angelsächsischen Ländern hinsichtlich der Lehre in Pharmakologie unternommen wurden und werden. Man findet ganz interessante Analysen: so z.B. dass jeder Pharmakologie als extrem wichtiges Fach sieht, aber keiner richtig Bock auf diesen knochentrockenen Stoff hat. Und damit kommt man auf Projekte, wie dies anders umgesetzt werden könnte: Vorreiter ist hier die WHO, die die Problematik der Pharmakotherapie schon in den 90er Jahren auf ihre Agenda geschrieben hat. Kennen Sie die WHO Liste essentieller
Medikamente
? Wirklich spannend, sich den entsprechenden Link mal anzuschauen. Blättern Sie mal durch.

Besonders interessant ist ein didaktischer Ansatz, der über Fortbildung und Kurse schon bei Studenten versucht, deren Verschreibungsverhalten bzw. Behandlungsverhalten zu schulen und zu verbessern. Der „Guide of Prescribing
Drugs
“ der WHO ist aus meiner Sicht ein wirklich exzellentes Beispiel eines konstruktiven Lösungsversuchs und sollte eigentlich obligater Inhalt jedes Medizinstudiums sein. In einigen Modellprojekten – z.B. auch in Hannover – ist dies Bestandteil der klinischen Pharmakologie. Und dies ist nicht nur allgemein, sondern insbesondere auch für unsere Tätigkeiten in der Notfallambulanz von großer Bedeutung. Wie erreicht dieser Guide seine Ziele?

Zuallererst sollte sich der verordnende Arzt vor der Verschreibung folgende Fragen stellen:
Schritt 1: Definiere das Problem des Patienten
Schritt 2: Arbeite das therapeutische Ziel heraus. Was soll mit der Behandlung
erreicht werden
Schritt 3: Kläre, ob Deine persönlichen Behandlungsschemata geeignet sind.
Überprüfe die Effektivität und die Sicherheit dieser Therapie
Schritt 4: Beginne mit der Behandlung
Schritt 5: Informiere den Patienten über die Anwendung, Unerwünschte Wirkungen,
erwünschte Wirkungen und mgl Warnzeichen
Schritt 6: Monitore die Behandlung (evtl. auch Stop der Behandlung)

In diesem formalen Konzept neu für mich ist der Ansatz, eine „persönliche Medikamentenliste“ für sich zusammenzustellen, die häufige Probleme in der Klinik/ Praxis darstellen. Hier
spielt auch die oben genannte Liste essentieller Medikamente zum Abgleich eine
Rolle. Der Guide gibt Hilfestellung wie bestimmte Probleme angegangen werden
können und welche Hilfestellungen es gibt, dieses komplexe Thema zu bearbeiten.
Aber es geht nicht nur um die persönliche Medikamentenliste sondern auch um die
Konzeptionierung von persönlichen Behandlungsoptionen … nicht immer ist eine
medikamentöse Behandlung wirklich notwendig. Wie sich auch bei der Behandlung
vieler unserer ambulanter Patienten auch über die Feiertage zeigte. Viele sind einfach
verunsichert, oder haben oft ganz andere Probleme als die, die sie als
Vorstellungsgrund angeben. Auch darüber werden Sie im Guide einige gute
Anregungen finden.

Und … es fehlt nicht an zahlreichen, wirklich extrem lehrreichen Beispielen und
Diskussionspunkten. Ein Musterbeispiel für „clinical reasoning“, das ich vor langer Zeit bereits schon mal an anderer Stelle diskutiert hatte. Für viele von den alten Hasen ist diese Manual rasch durchzulesen und vielleicht ist viel dargestelltes einfach nur Eulen nach Athen tragen. Aber es gibt viele Anregungen für den studentischen Unterricht oder die Unterstützung bei der Fort/Weiterbildung von Kollegen. Aber insbesondere für die Beginner unter uns lassen sich einige Schätze damit heben. Nicht zuletzt wird auch das Thema Rezeptieren angesprochen und ausführlich diskutiert. Ein ganz großes Problem des Arbeitsalltags, sowohl ambulant, wie auch stationär.

Zusammengefasst ein wirklich hochinteressantes Konzept für ein tägliches
klinisches Problem. Gerne können Sie Ihre Meinung unter der Kommentarfunktion
einstellen. Das war´s mal wieder aus Nürnberg! Stay tuned and join again!

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