Ist die Gabe von Sauerstoff wirklich notwendig?

Hat ein Patient einen akuten Mykardinfarkt, eine Exazerbation einer COPD oder einen Schlaganfall, dann wird sofort die Nasenbrille aufgesetzt und Sauerstoff gegeben. Aber ist dies wirklich notwendig? Es gibt ja durchaus Hinweise, dass z.B. nach Reanimation eine Hyperoxämie zu ungünstigerem Outcome führt und auch die Routinegabe von Sauerstoff bei akutem Myokardinfarkt zu einer Übersterblichkeit führt.

Dazu gibt es einen sehr spannenden Übersichtsartikel im British Medical Journal:

Schrittweise wird Wissenswertes über die Gabe von Sauerstoff bei Notfallpatienten berichtet und durchaus kontrovers diskutiert. Die übliche unreflektiert “Standardgabe” von Sauerstoff wird kritisch hinterfragt und aufgrund der vorhandenen Studiendaten letztendlich folgendes Vorgehen vorgeschlagen:

Ziel ist es üblicherweise, eine Sauerstoffsättigung von 94-98% zu erreichen. In den meisten Fällen ist eine Sauerstoffgabe bei einer Sättigung <95% zu erwägen.

Patienten mit COPD sollten eine Zielsättigung von 88-92% erreichen.

Eine “fixe Dosis” von Sauerstoff sollte eigentlich nicht verabreicht werden. Hierzu gibt es Daten, dass dies evtl. sogar mit ungünstigen Ereignissen assoziiert sein kann.

Zusammenfassend gibt noch diese Tabelle eine gute Hilfestellung:

Box 1: Medical emergencies where oxygen is likely to be required until patient is stable and within target saturation range3

Medical emergencies requiring high concentration oxygen in all cases
  • Shock, sepsis, major trauma

  • Cardiac arrest and during resuscitation

  • Anaphylaxis

  • Carbon monoxide or cyanide poisoning

Medical emergencies where patients are likely to need oxygen therapy (ranging from low to high concentration depending on disease severity), with target saturation range 94-98%
  • Pneumonia

  • Asthma

  • Acute heart failure

  • Pulmonary embolism

Medical emergencies where patients are likely to need controlled oxygen, with target saturation range 88-92%
  • Acute exacerbation of chronic obstructive pulmonary disease (COPD)

  • Acute illness in patients with cystic fibrosis

  • Acute respiratory illness in patients with obesity hypoventilation syndrome or morbid obesity

  • Acute respiratory illness in patients with chronic neuromuscular or musculoskeletal conditions

Wer noch etwas über die Notwendigkeit einer Sauerstoffgabe bei akutem Schlaganfall lesen möchte, ist hier gut bedient. Wirklich spannend!

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2 Gedanken zu “Ist die Gabe von Sauerstoff wirklich notwendig?

  1. Vielen Dank für den interessanten Beitrag über eine wirklich spannende Diskussion!

    2 Artikel von uns, die vielleicht auch interessant sind:
    Eine Zusammenfassung über die Diskussion um die Gabe von Sauerstoff beim Myokardinfarkt im Rettungsdienst:
    http://www.rettungsdienst-updates.de/die-praklinische-gabe-von-sauerstoff-teil-1-das-akute-koronarsyndrom-acs/
    Und um die Gabe beim Schlaganfall:
    http://www.rettungsdienst-updates.de/die-praklinische-gabe-von-sauerstoff-teil-2-der-apoplektische-insult/

    Zum Thema Sauerstoffgabe nach ROSC ist eine Registerauswertung veröffentlicht worden, die durchaus interessant ist, da sie umfangreicher als die von Kilgannon et al. 2010 ist und die Vermutung aufstellt, dass die höhere Sterblichkeit in der Hyperoxiegruppe in der Studie allein dadurch entstanden sein könnte, dass Patienten in schlechterem Zustand (und dadurch mit höherer Wahrscheinlichkeit zu sterben) durch das Personal automatisch höher dosiert Sauerstoff bekamen als andere Patienten. (Bellemo et al. 2011 http://ccforum.com/content/15/2/R90).
    In dieser Auswertung, die auch interessant ist, da Hypothermie deutlich öfter eingesetzt wurde als in der Auswertung von Kilgannon et al., war Hyperoxämie (wenn auch sehr großzügig definiert) kein Indikator für eine höhere Sterblichkeit.

  2. Vielen Dank,

    Wir freuen uns sehr wenn bei uns Vertreter aus Präklinik und Klinik diskutieren. Persönlich denke ich, dass man gerade für die Präklinik nicht alles unnötig verkomplizieren sollte. Hier denke ich dürfte es reichen ein wenig für die Gefahren einer unkontrollierten O2 Gabe zu sensibilisieren und o.g. Ziel-SO2-Werte (>95% für “Lungengesunde”, grösser 88-95% für “Lungenkranke”) anzusteuern. Für eine detailliertere Unterscheidung fehlt meines Wissens nach v.a. im präklinischen Bereich gegenwärtig sicher die Evidenz und eine genauerer Stratifizierung dürfte für beträchtliche Unsicherheit unter dem Rettungsdienstpersonal sorgen…

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